Reflexion 2.

Das freie Gestalten in der Natur fasziniert mich seit zwei Jahrzehnten und deshalb hatte ich den festen Willen auch 2015 an der LandArt-Ausstellung mitzuwirken. Im vergangenen Jahr waren mir die liegenden und sich zersetzenden Baumstämme am Wegrand aufgefallen. In der Folge bewarb ich mich mit folgender Projekteingabe um die Teilnahme:

Idee

Im Dialog mit dem zugewiesenen Platz (Wunsch siehe unten) soll ein Werk, eine Installation aus Holz entstehen (Baumstämme, Äste, Tannzapfen, Rinde). Ich strebe eine kraftvolle Installation mit klarer Formensprache an, die mit der Wildheit der Landschaft korrespondiert. Eventuell enthält das Werk geschnitzte Elemente.

Ort

Bevorzugter Installationsplatz ist derjenige Ort, wo Ruben Pensa 2014 die Installation (Nr.13) machte, wo Baumstämme gestapelt lagen und hoffentlich noch liegen. Von diesen Baumstämmen ausgehend (oder allenfalls nur noch von deren Spuren) möchte ich das Werk entwickeln. Selbstverständlich kann ich mich auch auf einen andern Ort einlassen.

Materialien

Primär Holz, ev. weitere natürliche Materialien.

Zeit / Installation

Ich möchte mir genügend Zeit nehmen, um wirklich in einen Prozess, in eine Auseinandersetzung mit Ort und Material zu kommen, d.h. ich würde die ganze Woche vor der Vernissage, also ab Montag, 22.6. bis und mit Vernissage in Binn sein.

1 Ausgangslage
Ausgangslage

Anmerkung

Da ich einen experimentellen, ergebnisoffenen Prozess anstrebe, kann ich im aktuellen Zeitpunkt keine nähere Beschreibung abgeben und hoffe, dass Sie mir Gelegenheit geben, mich auf diesen Prozess einzulassen. Vielen Dank!

Die Jury sagte JA zu diesem skizzierten offenen Prozess und so freute ich mich auf die Tage des Gestaltens und Seins in der Twingischlucht, aber auch auf den Austausch mit den andern vierzehn Künstlerinnen und Künstlern.

Werkzeug und das natürliche Material vor Ort

Ich reiste mit dem Auto an, weil ich eine Menge Werkzeuge mitnehmen wollte, von Schaufel und Pickel über die Gartenschere bis zur Drahtbürste, zu Hammer und Meissel, zu Sackmesser und Schnur. Es war mir wichtig, Wahlmöglichkeiten zu haben und davon profitierten auch andere Teilnehmende, die sich bei mir das eine oder andere Werkzeug beschafften. Ebenso wichtig, wie die Tatsache, geeignetes Werkzeug zu haben, schien mir der Entscheid, nur natürliches Material vor Ort zu verwenden. Diesem Grundsatz bin ich treu geblieben.

Herausarbeiten, was vorhanden ist

Die Beige der Baumstämme und der sie umgebende nahe Raum waren Ausgangspunkt und Zentrum meines Gestaltens. Ich freute mich auf die vier freien Tage und begann mich auf den Ort und die Holzbeige einzulassen. Zu meiner Freude hatten die Gemeindearbeiter vor meiner Ankunft das Gras vor der Holzbeige geschnitten. Ich konnte also fortfahren, womit sie begonnen hatten, nämlich dem guten Sichtbarmachen der Holzbeige. Ich schnitt Gras und Sträucher, sägte Äste naher Bäume weg, entfernte Müll und Steine, säuberte Stämme und Umgebung und dann waren sie in ganzer Länge sichtbar, die vermodernden Stämme und die junge Tanne, die unmittelbar daneben wuchs. Zerfall und Wachstum. Und sofort war klar: Es geht um Werden und Vergehen, Arbeits- und späterer Werktitel zugleich.

2 Anfang
Anfang

Alles Wesentliche ist einfach

Die Fortsetzung der Arbeit war ebenso einfach, wie der Beginn. Die sich von den Stämmen ablösenden Rinden nahm ich von Stämmen weg und begann sie intuitiv vor den Stämmen auszulegen. Rasch war klar, dass sie ein Dreieck bilden sollten. So setzte ein Prozess ein, der mehr als einen Tag dauerte, nämlich Rinden ablösen, vor den Stämmen auslegen, ablösen, auslegen, ein Hin und Her, ein meditatives Tun.

3 Zwischen den Stämmen
Zwischen den Stämmen

Dabei offenbarten sich zwischen Stamm und Rinde grosse Geflechte von Nährstoffbahnen mit einem schriftähnlichen Aussehen. Bald begann ich auch dieses Geflecht abzulösen und zu Kugeln zu formen. Ich legte es zur Seite und wollte es dann später irgendwie verwenden.

Zwischenraum
Zwischenraum
Rinde
Rinde

Vorerst ging es aber darum, das Rindendreieck zu verdichten. Ich musste möglichst alle Rinde zwischen den Stämmen herausholen, damit die Kraft des Rindendreiecks mit der Kraft der Stämme korrespondierte. Es wurde immer schwieriger, an die Rinde heranzukommen. Ich turnte auf den Stämmen rum und machte aus der Perspektive der vorbeigehenden Wanderer wohl seltsame Verrenkungen. Immer wenn ich glaubte, dass nun keine Rinde mehr vorhanden sei, fand ich wieder neue Rinde und die Arbeit des Verdichtens konnte weitergehen. Neben dem nun immer dicker werdenden Rindendreieck stand ein einzelner junger Strauch. Ich begann nun um diese Pflanze sternförmig ebenfalls Rinde auszulegen.

Bäumchen
Bäumchen

Doch das Resultat überzeugte nicht. Etwas von der bisherigen Klarheit und Kraft ging verloren und so entfernte ich die Rinden und schnitt auch die junge Pflanze weg. Ich hatte den Weg zurück zur Einfachheit und Klarheit gefunden und war zufrieden.

Versuch und Irrtum

Bei diesem gestalterischen Umweg wurde mir bewusst, wie wichtig es im künstlerisch-gestalterischen Prozess ist, immer wieder loszulassen, sich Irrtümer einzugestehen und Erschaffenes zu vernichten. Damit wurde das Tun immer experimenteller. Immer wieder meldeten sich innere Stimmen mit neuen Vorschlägen: Nimm dieses weisse Birkenholz und stütze die Stämme ab oder fülle die Lücken zwischen den Stämmen mit Heu. Oder: Schneide die junge Tanne weg. Reduziere noch mehr. Immer wieder folgte ich meinem inneren Team und probierte aus. Doch am Schluss kehrte ich zurück zu meinem Rindendreieck. Ich entfernte Hölzer, Heu und anderes. Die junge Tanne liess ich stehen. Am Ende des Tages war ich beeindruckt von der Verführungskraft des Geistes. Ich musste erkennen, was jeder Meditierende weiss: Wir sind nicht Herr im eigenen Haus. Unser menschliche Geist führt ein ziemlich anstrengendes Eigenleben. Und manchmal benimmt er sich, wie ein wilder Hengst oder ein störrischer Esel.

Variation
Variation

Ruhen lassen

Schliesslich wollte ich auch noch die in einer früheren Phase zur Seite gelegten kugeligen Geflechte verwenden. Ich formte eine grössere Kugel und befestigte diese mit einem Zimmermannsnagel an der Spitze des Rindendreiecks. Das Ergebnis gefiel mir und im nächsten Augenblick gefiel es mir schon nicht mehr. Ambivalenz war das vorherrschende Empfinden. Ich beschloss die ganze Sache ruhen zu lassen und verbrachte den nächsten Tag mit Yoga, Singen in der Kapelle, einer kleinen Wanderung und dem Steinstellen in der Binna.

Am Wasser
Am Wasser
Frosch
Frosch

Optimieren und abschliessen

Zurück bei meiner Arbeit ging es darum, dem eingeschlagenen Weg treu zu bleiben, noch etwas Rinde zu verlegen, zwei kleine Baumstämme zu entfernen, überhaupt dem Ganzen noch mehr Konturen zu verleihen. Die Kugel an der Dreiecksspitze liess ich stehen und nahm mir vor, diese anlässlich der Vernissage zu beseitigen und so den Besucherinnen und Besuchern klar zu machen, welche weltbewegenden Fragen, wie Kugel oder keine Kugel, den Gestalter umtreiben können.

Optimieren
Optimieren

Werden und Vergehen

Werden und Vergehen, symbolisiert durch die junge Tanne und die sich zersetzende Rinde und die vermodernden Baumstämme. Was dabei fehlt ist das SEIN, wie es Segantini in seinem Tryptichon genannt hat. Jedoch war ich während des mehrtägigen spielerischen Gestaltens in der Twingi-Schlucht vom Sein erfüllt, jenem Zustand des Fliessens und der Zeitlosigkeit, den wir alle aus unserer Kindheit kennen. Das landartige Gestalten führt zurück an diesen wunderbaren Ort. Es ist das Spiel des Kindes gepaart mit der Bewusstheit des Erwachsenen und darin liegt sein ganz besonderer Reiz. Der Philosoph Peter Bieri spricht in einem Aufsatz von der Selbsterkenntnis durch Selbstausdruck. Und genau darum geht es auch für mich. In dem ich mir bei diesem gestalterischen Tun selber über die Schulter schaue und betrachte, was geworden ist, so verstehe ich: Das bin auch ich. Ich habe mich in diesen Tagen in der Twingi also ein kleines Stück besser kennen gelernt. So fällt es mir leicht Gandhi zuzustimmen:

Ja, von der Quelle der Erkenntnis trinken wir , wenn wir spielen.

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Vollendet